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Full text of "Anarchismus und Sowjetregierung."

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Proletarier aller Lender =j 
vereinigt Euch I 




Anarchismus und 
Sowjetregierung 



Von Karl Radek. 



I>rel$ OO Heller. 



Im Verlage der Kommunistischen Partei Deutschosterreichs, 
Wien VIII, Alserstrasse 69. 



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Anarchismus und Sowjetregierung. 

Wenn man bei alien Lehren und Richtungen des Anar- 
chismus das Wesentlichste heraussucht, so lasst er sich auf 
die Ablehnung der Staatsgewalt und der wirtschaftlichen Zen- 
tralisation zuriickfiihren. Das eine wie das andere entspringt 
aus volliger Verstandnislosigkeit ftir die Entwicklungs- 
tendenzen der Qesellschaft, und daher kann die Stellung des 
proletarischen Kommunismus, einer rein historischen Wissen- 
schaft, die auf den , Erfahrungen der Geschichte basiert und 
die Interessen der Arbeiterschaft auf dem Boden ihrer ge- 
schichtlichen Bestrebungen verficht, dem Anarchismus gegen- 
iiber nur rein ablehnend sein. 

Der Kapitalismus stellt nicht nur eine Knechtung der 
Arbeiterklasse dar, sondern gleichzeitig eine Nutzbarmachung 
der Produktionskrafte der Natur durch den Menschen. Noch 
nie in der Geschichte sind dieNaturkrafte dem Menschen so 
dienstbar gemacht worden, wie im Zeitalter des Kapitalismus. 
Der Kapitalismus macht sich die Dampf- und Elektrizitatskraft 
untertan und stellte mit deren Hilfe die Yerbindung der ent- 
ferntesten Punkte des Erdballs her. Der Kapitalismus ernahrt 
deutsche Arbeiter mit chinesischem Reis, er liefert der engli- 
schen Bevolkerung sibirische Butter, hilft dem russischen 
Volke die Naturschatze seines Landes vermittels amerikani- 
scher Maschinen aus dem Boden zu holen, liefert der Mensch- 
heit siidamerikanisches Gold und beleuchtet Eskimohiitten 
mit nordamerikanischem Erdol. Der Kapitalismus hat die Ent- 
fernungen iiberwunden, er iiberwindet vermittels des Tele- 
graphen die Zeitvergeudung, er verwandelte den ganzen Erd- 
bah in eine einzige Kornkammer, in eine einzige Werkstatt. 

Aber in diesem Vorgang der Zusammenfassung aller 
Menschen zu einer einzigen Qesellschaft, in der der eine Teil 
mit dem anderen gegenseitig verbunden ist und gleichzeitig 
gegenseitig voneinander abhangt, hat der Kapitalismus gleicli- 
zeitig die Werktatigen der ganzen Welt zu Sklaven einer 
Klasse, ia sogar einer kleinen Schar von Trustkonigen ver- 
wandelt. 

Erscheint es den Trustkonigen vorteilhaft, die Verv»^en- 
dung der Arbeilskrafte bei der Erzeugung von Qummi zu er- 
weitern, schreckt der Kapitalismus nicht davor zuruck, auf die 



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kn-ausamsto Wcisc die Ncg-cr iin Kongo, die liidianer in 
Putumano zu zwingen, soviel Rohgummi zu sammeln, als die 
Kapitalisten fur ihre Ziele flir gut erachten. Wollen die Naphta- 
konige in Amerika* sich der Konkurrenz des mexikanischen 
Erdoles erwehren, so rufen sie eine revolutionare Oarung in 
Mexiko hervor, fiihren dort die Herrschaft des amerikanischen 
Kniippels ein, urn die Naphtagebiete in ihre Hande zu be- 
kommen, die friiher im Besitz der Englander waren. 

Wenn die Uusseisenpreise auf dem Markte hoch stehen, 
sind die kapitalistischen Truste bereit, mit eiserner Faust 
Arbeiter der ganzen Welt zu zwingeij, auf jegliche Streik- 
bewegung zu verzichten und 12 Stunden den Tag zu schuften. 

Das Proletariat kampft gegen die Ausbeutung von 
Natur- und Menschenkraft zugunsten dieser 300 Menschen, 
von denen Walter Rathenau, der Leiter des machtigsten 
deutschen Elektrizitatstrusts (A. E. G.) sagt, in iliren Handen 
befande sich die Verwaltung der gesamten WeltwirscHaft. 
Das Proletariat ist bestrebt, die durch die Bemiihungen und 
den Schweiss der arbeitenden Massen der ganzen Welt er- 
rungene Macht tiber die Krafte der Natur sich und nicht 
einem Hauflein von gewaltsamen Unterdriickern nutzbar zu 
machen. 

Die Arbeiterklasse vermag jedoch keineswegs die Zer- 
storung des vom Kapitalismus geschaffenen machtigeji Ap- 
parats anzustreben, dei" die Werkstatten der ganzen Welt 
miteinander verkiiipft, der die Bestrebungen aller Menschen 
in ilirem Kampfe gegen die N^ur zusammenfasst. Im Qegen- 
teil: die Arbeiterklasse will im Interesse der Massen der 
Werktatigen diese gegenseitigen Beziehungen der Arbeits- 
bataillone der Menschheit festigen, diesen die Welt um- 
iassenden Apparat kraftigen. 

Eine jede. unter dem Schutze der Staatsgewalt eines 
Landes stehende Oruppe von . Trustkonigen ist bestrebt, die 
ganze Welt flir sich zu erobern, die Konkurrenz der gegr 
nerischen Trustgruppen zu unterdriicken, den Kapitalisten 
eines Landes das Monopol iiber die ganze Welt zu schaffen. 
SoUte das nicht moglich sein, ist diese Gruppe bemiiht, aus 
dem lebendigen Qefiige der "Weltwirtschaft ein Gebiet heraus- 
zuschrieiden, das im Bereich ihres ausschliesslichen Einflusses 
hegen soil. Daher ist sie bemiiht, dieses Gebiet durch eine 
Mauer von Einfuhrzollen, durch einen Zaun von Bajonetten 
und Geschiitzen zu umgeben. 

Der Kapitalismus, der den internationalen Organisriius 
der Arbeit schuf, hemmt ihn gleichzeitig in seiner Entwicklung, 
indem er ihn in nationale Organismen der Arbeit zerglied^rt, 
die er einander gegeniiberste.ilt. Auf diesem Wege bringt es 
der interna'tionaie Kapitalimus so weit, dass die von ihm selbst 
vereinigte Menschheit sich seit vier Jahren im Ziistande 




eines briideniuirdcrisclicn Kriegcs hefiudcl, dass niclit iiiii ;,ti( 
Jalniuuiderlcii aufgestapelte Wcrte der Verniciitiiiig aiiliciui- 
fallen, sondern sogar Produktivkriifte der Ziikiinfl. 

WiU das Proletariat die Wiederliolung dieser Zer- 
stofungsarbeit vermeiden, will es verhindcrn, dass an I' l\v\\ 
Triimmern der modernen kapitahstischen Kultur tlungersiiot 
und Kalte herrschen, muss es, die Macht aus den Handen der 
Trustkonige reissend, die von ihnen zwischen den Wirt- 
schaftsorganismen der verschiedenen Lander errichteten 
Schranken niederreissen, muss es den Entwicklungsprozess 
der wirtschaftlichen Zentralisation des weltwirtschaftlichcu 
Gefiiges voUenden. , 

Das Internationale Proletariat wird nur da die Arbeits- 
kraft zur Schaffung eines gewissen Produkts anwenden, wo 
Bedingungen * vorhanden sein werden, die dem voUig ent- 
sprechen. Es wird kein Getreide auf felsigem Boden bauen 
und kein Gusseisen an Orten produzieren, die von den Erz- 
bergwerken weitab hegen. Es wird die Welt zu einem Or- 
ganismus der planmassigen Arbeitsteilung gestalten. Daraus 
folgt aber, dass die Arbeiterklasse keineswegs den zentralen, 
wirtschafthchen Zusammenhang und seine Organe wird 
storen diirfen, sie wird vielmehr darauf absehen miissen, die 
Macht der Arbeiter zu starken, die die gesamten Bestrebun- 
gen der Menschheit zur Beseitigung leghcher Not lenken soil. 

Aber nicht nur im Interesse der Zukunft treten wir fiir 
eine zentrale wirtschaftliche Qewalt, fiir eine die Produk- 
tionskrafte der Menschheit leitende Qewalt ein. Wir treten 
ganz besonders flir die Aufrechterhahung einer Zentralgewalt 
ein, im ZeitaUer der sozialen Revolution, im Zeitalter, wo 
die Bourgeoisie vergewaltigt werden soil. Um die Moglichkeit 
zu haben, im geeigneten Moment sich mit alien Kraften der 
Arbeiterklasse auf ihre Aiisbeuter zu werfen, um diese Krafte 
zu wuchtigen Schlagen aufzuspeichern, bedarf die Revolution 
einer zentralen revolutionaren Regierungsgewalt, die iiber 
die gesamten Krafte der kampfenden Volksmassen zur Unter- 
driickung der Bourgeoisie und ihrer Handlanger verfiigt. 

Waren die proletarischen Elemente unter den Kosaken 
in ihrem Kampfe gegen Kaledin und Dutow nur auf ihre 
eigenen Krafte angewiesen, konnten sie vielleicht dieser 
gegenrevolutionaren Gefahr noch lange nicht beikommen, 
die nicht nur ahein sie, sondern das gcsamte revolutionare 
Russland bedroht. 

Die Anarchisten konnen sagen: „Dazu bedarf man docli 
keiner Staatsgewalt. Die Arbeiter batten auch freiwillig Hilfe 
gegen Kaledin entsandt." Die Sache liegt jedoch nicht so 
einfach. Wenn sich gegen die Sowjetregierung sowohl Kaledin 
und Dutow, als auch die ukrainische Rada und Kornilow 
gleichzeitig erheben, — wer wird die Entscheidung treffcn, 



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solchen wird noch klarer, 

die Entstehungsursachen der 

— die wirtsctiaftliche Zer- 



welclic Gefalir grosser, gegen welclie zuerst ins Feld gezogen 
werden muss, welcher in diesem Moment nachgegeben werden 
miisse? Bereits der Kampf mit den ausseren Erscheinungen 
der Qegenrevolution erfordert eine revolutioniire Zentral- 
gewalt. 

Die Notwendigkeit einer 
wenn es sich darum handelt, 
gegenrevolutionaren Bewegung 
fahrenheit und die Hunger snot — zu beseitigen. Hier, leuclitet 
es einem jeden Arbeiter ein, dari nicht gewar-tet werden, bis 
auf Qrund der eigenen Erfahrung nach unerhorten Leiden jeder 
Betrieb, ein jedes Dorf gelernt haben wird, die Verbindungen 
miteinander anzukniipfen und aufreclit zu erhalten, auf dem 
Wege des Austausches die notigen Produkte voneinander zu 
erhalten. Einem jeden Arbeiter leuclitet es ein, dass Niihr- 
mittel erst dann %n beschaffen sein werden, wenn der Zustand 
der Transportmittel aufgebessert, wenn die Produktivitat der 
Betriebe gesteigert sein wird. Oline gut funktionierende 
Eisenbahnen, oline Erzeugung von Textilwaren ist es un- 
moglich, gegen die Kiilte und Hungersnot zu kampf en, die 
von den Qegenrevolutionaren zur Zerstorung des Werkes 
der Revolution ausgenutzt werden. 

Ohne eine rcvolutionare Zentralgewalt ist sonst eine 
Verteidigung der Revolution unmoglich. Wir sehen, dass die 
russischen Arbeiter und Bauern in ihrer uberwaltigenden 
Mehrheit das gliinzend kapiert haben. Die Riitekongresse, die 
zweifellos den Will en der Arbeiter- und Bauernmassen zur 
Qeltung bringen, haben dem Rat der Volkskommissare Voll- 
machten erteilt, denen die keiner anderen Regierung je gleich- 
kamen. Unsere Oegner sprechen von ciner Sowjetallein- 
herrschaft, das ist, versteht sich, Quatsch. Eine Alleinherr- 
schaft, die liber keine andere Macht verfiigt, wie die Unter- 
stutzung der Yolksmassen, ist eine Volksherrschaft — eine 
Demokratie — im besten Sinne des Wortes, Das ist aber 
gleichzeitig auch die Herrschaft der Volksmassen, die wisseii, 
dass sie von Feinden umgeben sind und dass man die eigenen 
Kriifte vereinigen muss, um die Feinde zu besiegen. 

Es gibt keine Revolution ohne Betiltigung der breiten 
Massen des werktiitigen Volkes. Die'lokalen Sowjets ^^ — das 
sind die Organe dieser Massenaktionen. Aber die Riiterevolu- 
tion ware durch die Krafte der Reaktion bereits Uingst unter- 
driickt, hatte sic nicht ein zentrales Kamnforgan, d. h. eine 
Regierung, d. h. die Staatsgewalt geschaffen, die alle Krafte 
der lokalen Sowjets zusammenfasst und leitet. 

Wenn dem so ist, so ist die Lelirc der Anarchisten, man 
miJsse in der Revolution alles auf der Selbstandigkeit der 
Massen aufbauen, eine Arbciterregierung sei unnotig — so 
ist diese Lehre gegen die Interesscn des werktatigen Volkes, 



gegen die l^evolution gericlitel, d. ii., * , i i < nn ■.,. i-en- 
revoliitioniire Lehre. Als wir den Aiiarcbislen /iir Vcrbiciliiiig 
ihrer Anschauungen vohige Freiheil gevviiluien, wiireii wir 
uns vollig klar, dass die anarchistischen Bestrebungeii (lefaln-en 
fur die Revolution in sich bergen. 'rrotzdeui die ein/ehiun 
ehrlichen Anarchisten fest iiberzeugt sind, dass sie der liciHgen 
Sache der Entsklavung der Massen dienstbar sind, dieiien 
sie tatsachhch der Sache der biirgerlichen Restauralioii. 

Aber die Idee muss durch die Idee bekilmpft wcrticii 
und die Rateregierung tastete nie das Recht der anarchistischen 
Propaganda an. Insofern sich irgendwelche Gruppen von 
Arbeitern zu den Ideen des Anarchismus bekannten, stellte 
ihnen die Rateregierung Rilume fiir die Redaktionen ihrer 
Blatter zur . Yerf iigung. Sie tat es in . vollster Ueberzeugung, 
dass nicht die Qewah, sondern die Propaganda der Revo- 
lutionslehren — das beste Mittel zur Ueberwindung des 
Anarchismus als Geistesstromung ist. 

Etwas anderes ist es aber, wenn die Rede von Versuchcn 
eines direkten Widerstandes ist oder voh Handlungen, die 
indirekt zur Steigerung der wirtschaftlichen Zerfahrenheit, 
zur Zersetzung der Revolution beitragen. In solchen Fallen 
ist es nicht angangig, die langsame Wirkung der Propaganda 
abzuwarten — hier erfordern die Interessen des Proletariats 
eine sofortige Bekampfung der Gefahr. Diese Gefahr ist aber 
bei der russischen Revolution grosser als bei der in irgend 
einem anderen Lande. 

Wenn wir einen BHck auf die Geschichte des Anarchis- 
mus werfen, so sehen wir, dass es weder Deutschland noch 
England — die Lander des fortgeschrittensten Kapitalismus 
— scndern vielmehr Frankreich, Ttalien und Spanien — ver- 
haltnismassig ruckstandige Lander sind, wo der Anarchismus 
die meiste Verbreitung gefunden hat. Die Entwicklung des 
Anarchismus in den Yereinigten Staaten Nordamerikas 
widerspricht dem scheinbar. Aber bloss scheinbar: der Anar-^ 
chismus wirbt dort seinen Stamm unter den italienischen, 
spanischen und russischen Einwanderern. 

Es ist ia klar: das Proletariat der Lander, wo die ArBeit 
es zu grosseren Massen in den Riesenbetrieben vereinigt, 
ihm die zwischen den verschiedenen Industriezweigen be- 
stehenden Beziehungen und den diese Beziehungen bewerk- 
stelligenden Riesenapparat vor Augen fiihrt, — dieses Prole- 
tariat versteht vortreffhch, dass ein Zentralorgan der Pro- 
duktion, dass eine den Organismus der Arbeit beherrschende 
Macht notwendig ist. 

J3as Proletariat der kapitalistisch entwickehen Lander 
versteht, dass die Bourgeoisie als eine organisierte Riesen- 
macht dasteht, zu deren Ueberwindung es notwendig ist, 
die Krafte des Proletariats zu zentraHsieren. Es versteht, dass 



ciii Sicu' iibcr die [bourgeoisie nicht inoglich sein wird, ohne 
Erriclitimg einer Diktatur des Proletariats, d. h. einer staat- 
licheii Revolutionsgewalt, die die, gesamten Krafte der Ar- 
beitermassen zwecks Zerstorung der Itapitalistischen Be- 
ziehungen und Brechung des Widerstandes der Bourgeoisie 
zusammenfasst. 

In den Augen der Arbeiter Spaniens oder Italiens, wo 
die Bourgeoisie keine grossen Arbeiterzentren, wo sie keine 
cigene machtige Organisation geschaffen hat, erscheint die 
Staatsgewalt als eine zufallige Erfindung von Mensclien, als 
kiinstliches Projekt. Es sclieint ihnen, dass wenn die Bour- 
geoisie sich diesen kiinstlichen Apparat nicht rechtzeitig zu- 
gelegt hatte, die Befreiung aus der Lohnsklaverei leichter 
vor sich gegangen ware. Wenn aber der Staat nichts anderes 
wie ein Unterdriickungswerkzeug darstellt, so kann dieses 
leicht zerstort werden. 

Da sie aber begreifen, dass dieses Werkzeug der Unter- 
drlickung gleichzeitig einen die Produktion zentralisierenden 
Mechanismus darstellt, glauben sie, dass man den Staat uber- 
haupt zerstoren miisse. Sie verstehen nicht, dass zur Ver- 
nichtung der Bourgeoisie voritbergehend eine eigene Arbeiter- » 
gewalt, ein eigener Arbeiterstaat geschaffen werden muss. 

RuSsland ist ein fiir den Anarchismus sehr giinstiger 
Boden. Ein Land mit kolossalen kleinbiirgerhchen Traditionen, 
birgt es im Schosse der Arbeiterklasse einen grossen Prozent- 
satz von Elementen, die erst in erster Generation das Leben 
des stadtischen Proletariats fiihren. Diese Elemente klein- 
biirgerlicher oder bauerlicher Herkunft haben ebensowenig 
Verstandnis wie das Bauerntum oder der Kleinkramer fiir 
den komplizierten Betrieb der modernen Wirtschaft. Der Bauer 
sieht seine Abhangigkeit vom Weltmarkte, vom Zustande 
des Staates nicht — er fiihrt ein Dorfleben. Der Kleinkramer 
lebt das Leben seines Qasschens. Der Arbeiter, der nicht liber 
den Oesichtskreis des Bauern oder des Kleinkramers hinaus- 
sieht, giaubt, dass, wenn er von seiner Arbeitsstiitte Besitz 
ergreift, wenn er sie mit Kohle versorgt, so sei er gerettet. 
Ein: Arbeiter solcher Denkart geht mit seinem Hamstersack 
aufs Land, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen, er 
denkt nicht daran, dass, wenn alle es tun wlirden, der ge- 
samte Transport lahmgelegt ware, kolossale Krafte anstatt 
fiir schopferische Arbeit, zu Hamsterfahrten vergeudet worden 
waren. 

Ein Soldat, der erst wahrend des Krieges mit dem 
Staatsapparat in Beriihrung gekomraen ist, und ihn auch dabei 
ausschliesslich als einen Apparat des Blutvergiessens und der 
Zerstorung kennen lernte, ein Soldat, ! der gesehen hat, wie 
die Beamten diesen Apparat auspliindern, sieht sogar die 
Arbeiterregierung und den Arbeiterstaat als etwas Fremdes 



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ail. Lr hat keine (iewisseiisbisse, wciiii cr sich am \i)lL;.r.iil 
vergrcift, ja noch mehr er sieht in der Arbcitcrrcgieniiig. 
die ihn daran hindert, eine Tyraimei. Auf dicscin Bodcii kaiiii 
der Anarchismus iippig emp.orwuchern und Thcoricii /ii 
Pliinderungistendenzen personJicher oder gciiieiiiscliaiuicher 
Natur den Volksmassen einimpfen. 

Wenn die Menschewiki behaupten, die Bolschcvviki 
hatten diese anarchistischen Tendenzen in den Volksmassen 
unterstlitzt, so ist es eine mit Stumpfsinn vereinte Heiichelei, 
Die Herren Menschewiki, die acht Monate lang die Arbeiler 
davon abhielten, die Macht zu ergreifen, die acht Monato 
lang der Bourgeoisie behilflich waren, ihre Macht aufreclit 
zu erhalten, sie halfen ihr auch in aller Oeffentlichkeit, das 
Volksgut auszupliindern — sie waren es gerade, die in jqder 
Volksgruppe dadurch die Bestrebungen zu eigenmachtigen 
Beschlagnahmungen forderten. 

Das Fehlen einer proletarischen Zentralgewalt — das 
ist der Boden dafiir, dass ein jeder auf eigene Faust handelt, 
auf seine eigene Gefahr hin fiir sich selbst rettet, was er 
kann. Nur die Bolschewiki haben durch Schaffung einer Ar- 
beiter- und Bauernregierung einen Weg zur . Sicherung der 
gesamten Interessen der Arbeiterklasse in ihrer Qesamtheit 
geschaffen, und nur sie konnen anarchistischen Tendenzen 
in den Arbeiterklassen entgegenwirken. 

Nur eine Regierung, die alle Massnahmeu trifft, um den 
Hungerleidenden die Nahrung zu sichern, um den Obdachlosen 
eine Unterkunft zu beschaffen, um die Betriebe in Gang zu 
satzen, — nur eine solche Regierung hat das Recht und die 
moralische Kraft zu einem riicksichtslosen Kampfe mit den 
anarchistischen Bestrebungen der Volksmassen. 

Wir, die wir der Kapitalistenklasse die Produktionsmittel 
enteignen. konnen mit vollem Recht dem Volke sagen: ein 
ieder., der die Bourgeoisie auf eigene Faust pliindert, vergreift 
sich an dem, was in Zukunft dem gesamten Volke gehoren 
wiJrde; er handelt eigenniitzig, gegen die Interessen der Volks- 
massen, und der muss an der Kandare festgehalten werdei* 

Als Kerenski die Entwaffnung der Anarchisten in der 
Villa Durnowo.Om Juni 1917) durchfiihrte, als die Menschewiki 
und die Sozialrevolutionare die Bolschewiki entwaffneten, 
zitterten bei ihnen die Hande; sie wussten sehr wohl, dass 
sie kapdtalistischcn Besitz gegen die 'Arbeiter in Schutz 
nahmen. Wenn die Arbeiterregierung, welche die Bourgeoisie 
entwaffnet hat, und die unaufhaltsam auf dem Wege der 
Aufhebung des Kapitalismus fortschreitet, sich gezwungen 
sieht, die Anarchisten zu entwaffnen, tut sie es mit ruhigem 
Gewissen, denn sie schiizt die Volksinteressen vor Persohen. 
die das Volksgut brandschatzen, die dem Prozesse der Ent- 
eignung der Kapitalisten hinderlich sind. 



Der Spiessbiirger ist froh, dass er sich nicht mehr zu 
ftircliten braucht, in einem finsteren Gasschen ausgepliindert 
zu werden. Wir konnen ihm diese Freude gonnen, denn wir 
werden ihm b,ei hellem Tageslicht auf gesetzlichem Wege 
das abnehmen, was er, als Kapitalist, beim Voike ge- 
pliindert Iiat. 

Die Sowjetregierung scheute vor dem Geheul der Bour- 
geoisie nicht zuriick, als sie mit bewaffneter Hand die 
Rudnews, Kornilows und Kaledins bektirnpfte, sie wird sich 
auch durch das Geheul der Anarchisten nicht einschiichtern 
lassen, wenn sie mit bewaffneter Hand die Anarchisten 
zwingt, Ordre zu parieren. Sowohl in dem einen, als auch in 
dem anderen Falle vertritt sie ein fiJr dieselben Interessen 
— die Interessen der Arbeiterschaft, die, nachdem sie die 
Macht aus den Handen der Kapitalisten gerissen hat, es nicht 
dulden kann, dass diese Macht zura Spielball in den Handen 
von Plunderern wird, welche die Kapitahsten auspliindern, 
um sich selbst in kleine Kapitalisten zu verwandeln. 




1 



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Im gleichen Verlage sind erschienen : 

Bucharin: Das Programm der Kommunisten , . K \'50 
Hevesi: Die technische und wirtschafthche Not- 
wendigkeit der kommunistischen Welt- 
revolution „ 2' — 

Karpinsky; Wie das russische Volk gescheit 

wurde „ ]• — 

Lenin s Die nachsten Aufgaben der Sowjefmacht „ 2-40 
— Die proletarische Revolution und der 

Renegat Kautsky , — "50 

Lenini Trotzky: Die Rote Armee „ — .60 

Radeks Die Entwicklung des Sozialismus von 

der Wissenschaft zur Tat . . . . „ — -60 
Trotzky ; Arbeit, Disziplin und Ordnung werden 
die sozialistische Sowjet-Republik 
retten . „ — 60 

Ferner : 

Verfassung der russischen RaterepubHk ... „ — -80 
Die Grandung der III. Internationale (Manifest, 

BeschlUsse) , 1-50 

Die Kommunistische Internationale (mit Beitragen 

von Fuhrern aller Lander) „ 6-50 

Die Kommunisten und der Friede , 1-20 

Sowjet-Russland in Gefahr! „ — '20 

Was will die Kommunistische Partei? ..... „ — -20 

Zu beziehen durch den 

Verlag der K. P. D.-Oe., Wien VIII, Alserstr. 69. 
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JTeder Proletckrier lie$t 

„Die Rote Fahne'' 

Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschosterreichs. 
Erscheint ausser Montag taglich um 6 Uhr fruh. 



IN WlEN: 
Einzein 20 [Heller 
Monatlich K 5"— 



AUS WARTS: 
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